Großer Mann im Regen

Juli 21, 2009 von alexps

Die Straße war menschenleer, als ich das Lokal verließ. Es war weit nach Mitternacht geworden, was ich voraus gesehen hatte. Wir hatten uns schon lange nicht mehr getroffen und ausführlich geplaudert, dabei auch das eine oder andere Glas Wein geleert. Zwanzig Jahre mußten aufgearbeitet werden, Jahre, in denen viel, und weiß Gott nicht nur Gutes, geschehen war, bei ihm wie bei mir. Allein das Abhaken aller gemeinsamen Bekannten und ihrer diversen Schicksale hatte zwei Stunden in Anspruch genommen. Sydney, Manila, Silicon Valley, Offenburg. Wir waren ganz schön rumgekommen. Einige von ihnen hatten wir beide aus den Augen verloren. Zwei waren in der Zwischenzeit gestorben, einer tragisch. Am Schluß konnten wir die Frage, wie wir eigentlich wieder in Kontakt gekommen waren, nicht lösen. Facebook? Stay-Friends? Oder ganz einfach ein vergilbter Zettel mit einer Telefonnummer drauf? War ja auch egal.

Mein Schulfreund war dann gegen eins aufgebrochen. Er war Arzt an einem großen Krankenhaus, morgen standen für ihn wieder einige Operationen auf dem Programm, diffizile Geschichten, für die er eine ruhige Hand brauchte. Verständlich. Sollte es mich einmal erwischen, wollte ich auch lieber unter ein ausgeschlafenes Skalpell geraten.

 Ich hatte auf jeden Fall zu viel getrunken, um in mein Auto zu steigen. Deshalb ließ ich es vor der Kneipe stehen. Um diese Zeit eine U-Bahn zu bekommen, war aussichtslos . So hielt ich es für eine gute Idee, zu Fuß nach Hause zu gehen. Ich kannte diese Gegend nicht besonders gut, wußte aber ungefähr, in welche Richtung ich gehen mußte, um früher oder später wieder auf bekannte Routen zu gelangen. Es würde nicht mehr als eine gute halbe Stunde dauern, bis ich zu meiner Wohnung kam.

So ging ich die leere Straße hinab, an Häuserblöcken aus dem 19. Jahrhundert vorbei, und begegnete so gut wie niemandem. Das grüne, gelbe, rote Licht der einsamen Ampeln spiegelte sich im nassen Asphalt. Hin und wieder ein versprengtes Auto, auch ein Bus.

Die Fenster der Parterrewohnungen waren weitgehend schwarz. Gelegentlich erhaschte ich einen Blick in eine Studentenbude oder in eine neonbeleuchtete Küche. Man will sich den voyeuristischen Blick ja nicht wirklich zugestehen, wenn man nachts durch die Stadt streift, aber ich gehe jede Wette ein, daß jeder, aber auch wirklich jeder in ein beleuchtetes Haus hineinschaut und Ausschau hält nach etwas Überraschendem, ja nach etwas Verbotenem. Jede Bewegung hinter einem solchen nächtlichen Fenster ist schon allein deswegen interessant, weil sie sich unbeobachtet wähnt und jeden Moment in etwas Verwegenes umschlagen kann. Wenn man dieses Verwegene dann im Vorübergehen aus den Augenwinkeln wahrnimmt – und Augenwinkel können verdammt lang sein – steigt das angenehme, spießige Gefühl des Verbotenen im Erlaubten auf. Und das Gefühl der völligen Gefahrlosigkeit, weil Unsichtbarkeit, zumal. Ja, ich fühlte mich unsichtbar, ungreifbar, schwerelos.

Ich war unterdessen in eine Gegend mit flachen, eineinhalbstöckigen, bungalowähnlichen Häusern gekommen, die alle leicht erhöht lagen. Überall führte eine Rasenfläche zum Eingang empor. Alles sah gleich aus, regelmäßig und abgezirkelt. Die Straße war alleeartig mit Bäumen gesäumt, in den Gärten standen in lockerer Verteilung Büsche, Hecken, Sträucher. Dieses viele Grün schluckte das ohnehin spärliche Licht der Straßenlaternen. Ich ging fünf Minuten diese Straße hinab – und dieses Hinabgehen war es, was mich stutzig machte. Meine Wohnung lag nicht unten am Fluß, sondern auf der entgegengesetzten Seite. Irgendwo mußte ich falsch abgebogen sein. Einen Stadtplan hatte ich nicht dabei, zum Zurückgehen hatte ich keine Lust. Ich zündete mir eine Zigarette an und startete das GPS auf meinem Blackberry. Nach dem letzten Zug hatte ich wieder Orientierung. Ich mußte nur die nächste Straße rechts abbiegen, ein paar Blocks weiter marschieren, und schon war ich wieder in meinem Kietz. Andiamo!

Ich schlug mir gerade den Mantelkragen hoch, um mich vor der Feuchtigkeit, die hier in den Büschen saß, zu schützen, da hörte ich den ersten, gedämpften Schrei. Dumpf, wie unter Watte, weit weg. Erst dachte ich, ich wäre mit meinem Mantelkragen am Ohrstöpsel des I-Pods hängengeblieben. Aber kurz darauf war diese Stimme wieder zu vernehmen. Ihre Frequenz lag jetzt höher, ihr Rhythmus war punktiert, synkopiert. Wo sie herkam, war nicht auszumachen, völlig ausgeschlossen, ihr nachzugehen. Auf einmal fühlte ich mich so einsam wie noch nie in meinem Leben, da unten zwischen den nassen Büschen und den auf mich hinabblickenden Bungalows, aus denen auch nicht ein winziger Lichtstrahl drang. Ich riss mich zusammen und schlug den Weg ein, den mir mein Blackberry vorgeschlagen hatte – mein Blackberry, den ich in der Manteltasche umklammert hielt wie ein Sterbender die Hand eines Priesters.

Ich ging jetzt zügig weiter und versuchte möglichst leise aufzutreten. Dennoch hallten meine Schritte auf dem Asphalt wie Stiefel auf einem Kasernenhof. Da war die Abzweigung. Die Straße führte wieder nach oben. Ich beschleunigte meinen Gang, als wie aus dem Nichts ein gellender, sich überschlagender Schrei direkt vor mir aus der feuchten Vegetation schlug, gefolgt von dem Geräusch zerberstenden Glases. Ich hielt abrubt inne, als sei ich vor eine Wand gelaufen. Ein breiter, fetter Lichtteppich ergoß sich über die Rasenfläche zu meiner Linken und endete in einer breiten, völlig offenen Fensterfront, die Einblick gewährte in ein Wohnzimmer und eine sich daran anschließende Küche mit Herd in der Mitte, wie man das heute so gerne macht. Auch im oberen Stockwerk blickten die Fenster wie leuchtende Augen in die Nacht. Dahinter Möbel, Lampen, Bücher, einfach alles, offen wie in einem Puppenhaus. Und durch diesen Lichtkubus fegte eine Frau in einem roten Abendkleid, keine 20 Meter von mir entfernt, sie fegte wie ein roter nasser Pinselstrich durch diesen Lichtwürfel, holte mit ihrer rechten Hand aus und schleuderte einen Gegenstand nach dem anderen in den Raum hinein, von mir aus gesehen nach links. Und dort hinten im Eck sah ich einen Mann, der sich urplötzlich wegduckte, hinter einem Sessel verschwand, und dann hörte ich abermals, zeitversetzt, das Geräusch zerspringenden Glases. Und einen Schrei in einer hohen, in einer sehr hohen Frequenz.

Erst jetzt merkte ich, wie angespannt meine Muskeln waren – erst jetzt, als sie sich lösten. Instinktiv trat ich einen Schritt hinter den Busch zurück, der das Grundstück vom Trottoir trennte. Dann schaute ich wieder in das Haus. Unten war jetzt niemand mehr zu sehen, dafür huschten oben zwei Schatten an den Fenstern vorbei . Ein Ehestreit? Für die Rosenkriegshypothese sprach der schräg auf der Auffahrt geparkte Geländewagen, dessen Beifahrertür nicht ganz geschlossen war. Das rote Sicherheitslämpchen an der Innenseite der Tür ging in der Lichtflut, die aus dem Haus brach, fast unter.

Der einzige Krampf, der sich nicht löste, war der meiner Hand, die sich in meiner Manteltasche um den Blackberry klammerte. Daher merkte ich auch erst nach einer gewissen Zeit, daß das Gerät vibrierte. Ein Anruf. „Unbekannte Nummer“. Warum ich den Anruf annahm, wußte ich nicht. Es war sicher auch ein kleiner Akt gegen die Einsamkeit.

„Ja?“, versuchte ich sicher und vorsichtig zugleich zu sagen.

„Ich bin’s, hast Du einen Moment für mich Zeit oder liegst Du schon im Bett?“

Wieder dieses Gefühl der Verlorenheit.

„Nein, nein“, flüsterte ich, jetzt noch leiser, während meine Augen dem Mann folgten, der jetzt langsam, sehr langsam an der oberen Fensterfront entlangschritt und auf die Auffahrt hinabzuschauen schien. Ich drückte mich noch enger in den Schatten des nassen Busches.

„Nein, ich schlafe noch nicht“.

„OK, ich habe vorhin noch etwas vergessen, etwas, was mir wichtig ist und was ich dir unbedingt sagen wollte. Ich war müde und dachte nur an die Operation. Ich hoffe, Du bist jetzt nicht sauer auf mich“.

Der Mann war jetzt wieder im Wohnzimmer aufgetaucht, ich konnte es nicht genau erkennen, aber er schien sich das Gesicht mit einem Taschentuch oder einem Handtuch abzuwischen.

Ich wußte jetzt wirklich nicht, was ich sagen sollte.

„Hörst Du?“–

„Ja, ich höre. Schieß los.“

„Es geht um Dich – und es könnte wichtig sein“.

Verdammt, es gab überhaupt keinen Grund, Angst zu bekommen. Aber was war das jetzt?

„Wieso um mich? Um diese Zeit? Hör mal, es reicht, ich muß jetzt ins Bett. Gute Nacht!“ Wieder diese abgründige Leere.

Ein dumpfes, tiefes, unangenehmens Geräusch war aus dem hinteren Teil des Hauses, aus der Küche, oder noch weiter hinten, zu vernehmen. Ein Schaben, als würde man einen gigantischen Schrank verschieben.

„Ja, um Dich. Ich glaube, Du hast ein Problem. Ich habe mir nicht getraut, es Dir zu sagen. Es hätte irgendwie die Stimmung kaputt gemacht“

Aus der Tujahecke tropfte das Wasser eiskalt in meinen Nacken.

„Red endlich, was ist los?“

„Der Fleck unter Deiner Nase, mein Lieber, der schaut gar nicht gut aus. Das ist kein Muttermal, das würde ich unbedingt mal checken lassen. Mein Bruder hatte auch so etwas. Ich bin zwar kein Hautarzt, aber ich kenn mich schon ein bißchen aus. Du weißt ja, Ärzte haben ein Blick für solche Sachen“.

Ich wußte nicht, ob ich wegen dieser Ferndiagnose oder wegen des langgezogenen Schreis zusammenzuckte, der sich mit dem Licht zu einer spitzen, harten Figur vereinigte, die durch das Gebüsch und die Sträucher stieß wie kalter Stahl.

„Was redest Du da? Was für ein Fleck denn?“

„Wo bist Du, was war das für ein Schrei, stimmt was nicht?…Was ist los, bist Du in Schwierigkeiten?“

Ich kauerte jetzt schon an der Wurzel des Busches und konnte durch das Geäst nicht mehr so gut erkenne, was im Haus vor sich ging. Ich sah nur noch, wie der rote Pinselstrich plötzlich über die weiße Leinwand fuhr und sich mit einem braunen Körper verband und wieder von ihm trennte. Nachbarn schien es hier keine zu geben.

„Ich weiß nicht…nein, nein, keine Probleme. Nur die Nachbarn.“

….

„Peter, stimmt was nicht?“

Ich klemmte meinen Blackberry unters Kinn, um mit den Händen die Äste beiseite schieben zu können.

„Nee, alles ok, echt“, ich zwang meine Stimme dazu, ruhig zu klingen, entspannt.

„Danke für den Tip, habe mich in den letzten Wochen auch schon über das Ding gewundert. Werde es abklären lassen. Schlaf gut, bis bald!“

„Peter?“

„Ja? Was denn noch?“

„Das war nicht alles. Ich  muß dir noch was gestehen“.

Still war es jetzt, totenstill. Keine Bewegung mehr. Das Wasser drang durch die Sohlen meiner Schuhe, die Feuchtigkeit breitete sich in den Socken aus.

„Ich bin kein Arzt. Ich bin kein Arzt mehr“.

„Sondern?“ flüsterte ich, da sich jetzt wieder etwas hinter der Scheibe im Erdgeschoß bewegte, und zwar so, daß ich spürte, es würde mich früher oder später in seine Bewegung einbeziehen.

„Na ja, ich bin schon noch Arzt, aber ich kann nicht mehr als Arzt arbeiten. Ich habe auch morgen früh keine Operation“.

„Hör mal, was redest Du denn da für nen Scheiß? Du hast mir doch den ganzen Abend von Deinen OPs  erzählt, von der ruhigen Hand, von der Konzentration und so weiter?“

Das Licht im Erdgeschoß des Puppenhauses verlosch.

„Ja, ja, ja, wird’ jetzt nicht sauer, das stimmte ja auch alles. Ich habe ‚ne ganze Menge Leute operiert, bevor diese Sache passierte.“

Jemand hatte jetzt das Haus verlassen. Ich konnte nicht mehr weg, ohne gesehen zu werden. Das Ende der Unsichtbarkeit war nahe.

„Und?“ Mehr ging nicht, er würde mich sonst hören.

„Ok, ich lass es jetzt raus, ich sitz’ im Knast, seit 15 Jahren, ich hatte heute Freigang und war schon spät dran. Draußen wartete der Wagen auf mich. Ich wollte es Dir sagen, aber es ging einfach nicht. Du warst mein bester Freund, und es tat mir so leid“.

Der Raum, der mir zur Verfügung stand, war auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Ein Quadratmeter nasser, fetter Erde, der Durchlaß: eine Mobilfunkleitung.

„Oh Mann, was erzählst Du da, das gibt’s doch nicht. Du verarschst mich doch“.

„Kannst Du etwas lauter reden, ich versteh Dich kaum“.

Jemand kam jetzt die Auffahrt hinab, langsam, schwerfällig, mit dem Rücken zu mir. Wieso ging er rückwärts?

„Nein, die…die Verbindung ist schlecht“.

„Ok, ok, ich versteh’ Deine Reaktion, ich bin jetzt auch gleich im Knast und muß aufhören. Nur eines noch: Du willst sicher noch wissen, warum einer so lange im Gefängnis sitzt, oder?“

„Ja“.

„Ich mach’s kurz und schmerzlos. Ich hab meine Frau umgebracht. So, jetzt weißt Du’s“.

Er war jetzt fast am Wagen angelangt. Ich sah seinen Rücken, seinen vornübergebeugten Rücken. Er beugte sich nach vorne, bewegte eine Last.

„Bist Du noch da?“

„Ja. Wann kommst Du raus?“ Ich war selbst überrascht, daß ich zu dieser Frage fähig war.

„Gar nicht mehr. Denn es war ein Doppelmord.“

Die vordere rechte Tür des Jeeps war weit geöffnet, er stemmte das Paket auf sein Knie und beförderte es ins Wageninnere. Dann drehte er sich plötzlich um, ansatzlos.

Ein großer Mann im Regen.

„Ein alter Freund hatte den Mord gesehen, ganz zufällig, Du glaubst es nicht, wenn ich es Dir erzähle. Beim Nachhausegehen. Ach ja, das ist schon so lange her, es ist fast wie aus einem anderen Leben“.

Eine Wiese, eine Frühlingswiese, der erste warme Tag. Der Spätschnee schmolz im Schatten der Bäume. Wir hatten gespielt, meine Schwestern und ich. Verstecken. Sie hatten lange gesucht und mich nicht gefunden. Das Spiel wurde ihnen irgendwann unheimlich, dann langweilig. Sie gingen ins Haus zurück. Ich sah, wie sie Hand in Hand durch die Krokusse und Glockenblumen davon spazierten, wie sie immer kleiner wurden und schließlich hinter einer Hecke verschwanden, hinter einer Hecke, die noch ganz braun war vom Winter. Ich wagte nicht, mich zu bewegen. Ich hielt den Atem an und betrachtete den ersten Laufkäfer des Jahres.

Der Schwrm

Juli 9, 2007 von alexps

Das deutsche Alphabet hat nur fünf Vokale, aber 21 Konsonanten. Sie können nachzählen, es stimmt. Hinter dieser eindeutig verifizierbaren Tatsache verbirgt sich eine unsichtbare Tragödie: Fünf abgehärtete Vokale stemmen sich tagtäglich gegen eine erdrückende Übermacht. 5 mal 1 gegen 4, das gibt 20, und der letzte Konsonant, das Y, darf, weil es sich immer gleich ergibt und die Arme hebt, den Schiedsrichter machen. 

Unter den Vokalen gibt es ein ungeschriebenes Gesetz (zum Aufschreiben bräuchten sie nämlich die Konsonanten, deswegen lassen sie es bleiben): Jeder der Vokale muß in der Kindheit mit eigenen Händen einen Wolf erwürgen, um mitkämpfen zu dürfen. Er geht dafür in einen dunklen Wald, setzt sich, charakterabhängig, auf einen Stein oder auf einen Baumstumpf, und ruft: Walf, Welf, Wilf, Wolf oder Wulf. Je nachdem. Die Wölfe verstehen das schon, denn sie haben immer Hunger (nie Hanger, Hinger, Honger oder Henger). Aber ausnahmslos immer sind sie nachher tot. Der kleine Vokal setzt sich, so schreibt das ungeschriebene Gesetz vor, danach noch einmal nieder, um das Geschehene mit übereinandergeschlagenen Beinchen, wie weiland Walter von der Vogelweide, weise zu überdenken, erhebt sich dann von seinem Stein oder Baumstumpf und geht zurück, um seine vier Konsonanten zu übernehmen. Denen ergeht es dann respektive.

Es ist ein extrem fieser und schneller Kampf, der sich unter unseren Augen abspielt. Daß wir von ihm nichts sehen, läßt sich wissenschaftlich nahezu lückenlos begründen: Im Laufe der Evolution hat der Mensch – aus überlebenstechnischen Gründen – gelernt, Informationen schnell aufzunehmen, zu interpretieren und in Handlungen umzusetzen. Die für Dekodierung und pragmatische Konfluenz zuständige Hirnhälfte hat sich überproportional entwickelt, während die anderen beiden Hirnhälften, verantwortlich für theoretische Affluenz und spielerische Kontingenz, höchstens bei Frauen und Asiaten noch halbwegs funktionieren. Daher kommt es, daß wir die extrem schnellen Bewegungen, mit denen Vokale und Konsonanten matrixmäßig durch den Raum wirbeln, gar nicht mehr sehen. Wir sehen nur noch den rasenden Stillstand „Text“. Im Grunde sind das aber nur Momentaufnahmen, Standbilder eines hyperschnellen Gemetzels. Die einzigen, die noch in der Lage sind, dem Kampf in Echtzeit zuzuschauen, sind die Legastheniker. Die sind, sozusagen, immer im Kino.  

Das sollte man wissen, um folgende kleine Geschichte besser goutieren zu können:

Mit der Erde ist es ja so: Wir wissen halbwegs, worauf wir stehen. Wir wissen nicht, wieweit der Himmel geht. Und wir wissen nur ungefähr, wie tief die Meere sind und was da unten alles sich windet und wendet.

Er muß aus großen Tiefen gekommen sein und sehr viel durchgemacht haben, der Schwrm. Manche sagen, er kam aus dem Mariannengraben. Man sah ihm die Erschöpfung förmlich an. Irgendwas war schiefgegangen. Denn als er anfangs der 47. KW am Ende der Liste ankam, wirkte er leer und hohl, dünn und matt. Entschwrmt eben. Es fehlten ihm Dichte, Wucht, Würze.

Kaum angekommen, wäre er daher fast wieder herabgerutscht und im anonymen Dunkeln verschwunden, der Kleine. Aber auch wenn er nur von Verlierertypen besiedelt war, hat er es irgendwie geschafft, sich mit seinen kalten Händchen am Rand festzukrallen. Aber es war knapp: die Knöchel wurden ganz weiß, die Fingerspitzen rutschten ab, seine mageren, ausgezehrten Beinchen ruderten haltlos im Leeren. Dann aber ein letzter, entschiedener Klimmzug – und er war tatsächlich drinnen.

Drinnen heißt aber noch lange nicht droben. Jetzt begann für den Schwrm, diesen Auswurf der Unterwelt, der Aufstieg, Klippe für Klippe. Im zähen Kampf bahnte er sich seinen Weg. Zwischendurch schien es, als hätte er es geschafft, der Schwurm. Aber erst als der Erstgeborene der Lichtwelt das Kommando übernahm, wurde was draus.

Oben angekommen, spuckte er daher erstmal die Klippen hinab. Und er blieb so lange oben, bis seine Spucke fett, aber ohne Echo am Grund des Mariannengrabens aufklatschte.

Und das, obwohl es ihn eigentlich weder gab, noch gibt noch jemals geben wird.  

kein: flipflopterminal

Juli 3, 2007 von alexps

Morgengrauen: man kann es gar nicht anders nennen es graut einem ganz grauenhaft an diesem grauen morgen am rand der alpen klingelt um 4.15 der businesswecker man taumelt bewußtlos und lichtlos und hirnlos und selbstlos ins bad dann 107,4 volvonavigationssystemvermessene kilometer autobahn mit dem überregionalen nachtprogramm vom mitteldunkeldeutschen rundfunk einmal rundherum um die landeshauptstadt dann an der allianzarena vorbei die weder blau noch rot sondern bloß aschfahl und schmuddelig ist an diesem morgen einmal pendler immer pendler diese einsicht wird überwummert vom einzigen nachhaltig cleanen windrad münchens auf der ehemaligen müllhalde rechts der alte ikea home of the brave der neue im süden ist auch schon zu klein hab ich gelesen 5.30 alle short term parkplätze am terminal 1 bereits besetzt von leuten die offensichtlich um 3.30 oder um 2.30 oder um 1 aufstehen oder die erst gar nicht mehr wegfahren und ihren temporären lebensmittelpunkt fjs anvertraut haben wenn das mal nicht so wird wie bei jfk also long-term am Nordpol des Flughafens will heißen kilometerlange laufbänder durch eis und schnee so weit die füße eben tragen zum mittelpunkt der erde an den äquatorialen zentralbereich wo’s dann schon von menschen brodelt und kocht dann mit so einem kleinen steilen immer wieder fiesen laufband auf dem man nicht weiß ob einen der eigene oder ein fremder koffer von hinten überrollt den berg hinab zwei mal abbiegen an schlafenden asiaten mit tennissocken und schlechten zähnen vorbei von weitem illuminieren schon die autovermieter in grün orange jamaikanisch den weg wieder ins freie zum terminal 2 dort rein durch zwei hermetisch schließende abteildrehtüren in denen seit monaten yehudi menuhin und simon rattle uns ZEIT verkaufen wollen wir würden ja gerne haben sie aber nicht jetzt kommen schon die check in säulen mit dem netten adretten migrationsgewinnlerpersonal das einen schon über 100, 200 meter als nächstes opfer ausgespäht und angepeilt hat als ob man zu blöd wäre seine meilen-und-mehr karte im schlitz zu versenken und die paar knöpfchen zu drücken die es braucht um das apparätchen zufrieden zu stellen ihr und mein lächeln wischt so halb freundlich aneinander vorbei eine steile rolltreppe rauf komplett alles ausziehen an der security zwei minuten businessterrorist spielen danach wieder komplett alles anziehen nach der security jetzt wird’s zeitlich wieder eng also antiterrorstechschritt einlegen wieder laufbänder dazwischen ein polierter audi a14 bei dem jemand das licht angelassen hat auf einem siegerpodest das gibt’s doch nicht sogar um diese zeit leute die auf den tacho schauen wieviel da drauf steht laufband unterbrechung laufband unterbrechung laufband unterbrechung laufband unterbrechung und im ohr immer und von allen seiten und von überallher das hohle geräusch schnell rollender kleiner trolly kofferräder die über die kante aufs laufband springen und dann vom laufband wieder auf den fjs marmor und dann wieder aufs laufband und dann wieder auf den marmor so genauso klingt plastik im permanenten fronteinsatz

Existenzgründler trifft auf Versinkliterat

Juli 3, 2007 von alexps

Man kann es schon so machen, sich einfach neben das Leben hinstellen oder fast schon hinlümmeln und so tun, als sei es nicht da oder vielmehr immer nur dann, wenn man es gerade braucht und dann eben nur und ausschließlich so, wie es einem in die Situation paßt. Dann fließt, blubbert, zischt, wirbelt, kluckert, plätschert, sickert oder strömt es an einem vorbei, das Leben, je nachdem. Ab und an hängt man seine Angel rein und zieht sich einen Fisch. Bei Hochwasser krabbelt man die Böschung rauf, bei Trockenheit sammelt man im Flußbett Brennholz, bei Regen ist es eh egal, und bei Hitze steckt man die Haxen ins Kühle. Wenn es einem langweilig ist, spricht auch überhaupt nichts dagegen, leichten Seins einen flachen Stein flippen zu lassen auf dem glatten Rücken des Lebens. Das haben sich schon viele gedacht, auch jene zwei fast gleichalten Männer dieser kleinen Geschichte. Der eine lebte auf der Südseite des Flußes, der andere hauste an dessen nördlichem Ufer, meist im Schatten. Der eine stand immer ganz früh auf, marschierte nackt mit Sonnenbrille, Bluetooth und Einstecktüchlein durch die Landschaft, sportelte erst, werkelte dann, schwitzte, klopfte, telefonierte, rechnete, machte und ackerte und tat. Der andere steckte den lieben langen Tag den Kopf, die Schultern, den Rücken und den Unterleib in die Büsche und sonnte sich die Fußsohlen. Ab und an ließ er einen deftigen Furz in die Brennesseln und Weidenbüsche abgehen, worauf diese sich sacht im Winde bewegten. Was ihn inspirierte. Einmal im Jahr, meist in einem der Sommermonate, geschah folgendes: Der Südufler schnürte fein säuberlich sein Gepäck, ritzte eine Abwesenheitsnotiz ins Schwemmholz und schwamm zügig auf die andere Seite. Der Nordufler kratzte sich gähnend die bleichen Pobacken, schlug die Weidenbüsche und Brennesselstauden auseinander und ließ sich, unrasiert, gemächlich auf dem Rücken ans Südufer treiben. In der Mitte des Flußes hätten sie sich eines Blickes würdigen können, taten es aber nicht, weil der eine auf dem Rücken, der andere auf dem Bauch daherkam. Der Südufler blieb eine Woche im Schatten. Er schnitt sich gleich am ersten Tag ein präzises Rechteck in die Brennesseln, kappte ein paar Weidenäste und stellte 13 strategisch postierte Angeln für die Versorgung mit Fisch auf. Der Schattler blieb eine Woche am Südufer. Man sah ihn meistens herumliegen, manchmal kletterte er aber auch auf einen Baum oder warf Lasso, was er aber nicht gut konnte. Nachdem die Woche vorüber war, verschnürte der Südufler wieder sein Gepäck, verwischte die Spuren, machte alle Türen hinter sich zu, säte neue Brennesseln und sprang, mit Anlauf, in den Fluß. Nach ein paar markigen Kraulzügen drehte er sich auf den Rücken. Das machte die Entspannung. Auf der Südseite stieg der Bleichpo vom Baum, rollte sein Lasso auf wie einen Stacheldraht, pinkelte ins Schwemmholz und schwamm los. Auch auf dem Rücken. Diesmal begegneten sie sich Kopf an Kopf – genau in der Mitte des Flusses, also, um im Bild zu bleiben, sozusagen in einer Midlife-Crisis. Diese sind ja meist transitorischen Charakters. Man muß durch sie hindurch, erkennt aber erst später, daß man in einer war. Diese Chance hatten die beiden Ufler nicht. Denn vom Zusammenstoß betäubt, schluckten beide das Wasser des Flusses, der an diesem Tage gar nicht einmal so schnell dahinfloß, und versanken, beide, in den Fluten bis auf den Grund. Um den einen war es nicht schade. Der andere hatte vorher wenigstens noch Brennesseln gesät.

Erklär mir die Welt, Karl May (4/143)

Juni 27, 2007 von alexps

“Die türkische Rechtspflege hat bekanntlich ihre Eigentümlichkeiten, sagen wir geradezu ihre Schattenseiten, die um so deutlicher hervortreten, je entlegener die Gegend ist, um die es sich handelt”

Bonuspunkte:keine Bonuspunkte

Juni 27, 2007 von alexps

Wir fahren auf der Straße. Wir haben kein Benzin mehr. Wir gehen tanken. Wir stehen neben der Tanksäule. Es macht Klick. Wir gehen in den Shop. Wir wissen wieder nicht, wierum rein mit der Karte. Wir “bestätigen”. Wir werden gefragt. Und wir fragen uns: Bonuspunkte:keine Bonuspunkte? 

Warum weinen Playmobilfiguren nicht?

Juni 24, 2007 von alexps

Das ist genau jener Typ von  Frage, an deren Antwort man den Unterschied zwischen désinvolture und dem Gegenteil davon deutlich machen kann.

Erklär mir die Welt, Karl May (3/143)

Juni 24, 2007 von alexps

“Das Huhn war tot umgefallen”

Erklär mir die Welt, Karl May (2/143)

Juni 23, 2007 von alexps

“Die Schiffahrt im arabischen Busen ist sehr gefährlich. Deshalb wird hier während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle”.

Erklär mir die Welt, Karl May (1/143):

Juni 21, 2007 von alexps

“Das Bettlertum bildet in China eine soziale Macht, von deren Bedeutung und Einfluß der Europäer gar keine Ahnung hat”