Archiv für Juli 2007

Der Schwrm

Juli 9, 2007

Das deutsche Alphabet hat nur fünf Vokale, aber 21 Konsonanten. Sie können nachzählen, es stimmt. Hinter dieser eindeutig verifizierbaren Tatsache verbirgt sich eine unsichtbare Tragödie: Fünf abgehärtete Vokale stemmen sich tagtäglich gegen eine erdrückende Übermacht. 5 mal 1 gegen 4, das gibt 20, und der letzte Konsonant, das Y, darf, weil es sich immer gleich ergibt und die Arme hebt, den Schiedsrichter machen. 

Unter den Vokalen gibt es ein ungeschriebenes Gesetz (zum Aufschreiben bräuchten sie nämlich die Konsonanten, deswegen lassen sie es bleiben): Jeder der Vokale muß in der Kindheit mit eigenen Händen einen Wolf erwürgen, um mitkämpfen zu dürfen. Er geht dafür in einen dunklen Wald, setzt sich, charakterabhängig, auf einen Stein oder auf einen Baumstumpf, und ruft: Walf, Welf, Wilf, Wolf oder Wulf. Je nachdem. Die Wölfe verstehen das schon, denn sie haben immer Hunger (nie Hanger, Hinger, Honger oder Henger). Aber ausnahmslos immer sind sie nachher tot. Der kleine Vokal setzt sich, so schreibt das ungeschriebene Gesetz vor, danach noch einmal nieder, um das Geschehene mit übereinandergeschlagenen Beinchen, wie weiland Walter von der Vogelweide, weise zu überdenken, erhebt sich dann von seinem Stein oder Baumstumpf und geht zurück, um seine vier Konsonanten zu übernehmen. Denen ergeht es dann respektive.

Es ist ein extrem fieser und schneller Kampf, der sich unter unseren Augen abspielt. Daß wir von ihm nichts sehen, läßt sich wissenschaftlich nahezu lückenlos begründen: Im Laufe der Evolution hat der Mensch – aus überlebenstechnischen Gründen – gelernt, Informationen schnell aufzunehmen, zu interpretieren und in Handlungen umzusetzen. Die für Dekodierung und pragmatische Konfluenz zuständige Hirnhälfte hat sich überproportional entwickelt, während die anderen beiden Hirnhälften, verantwortlich für theoretische Affluenz und spielerische Kontingenz, höchstens bei Frauen und Asiaten noch halbwegs funktionieren. Daher kommt es, daß wir die extrem schnellen Bewegungen, mit denen Vokale und Konsonanten matrixmäßig durch den Raum wirbeln, gar nicht mehr sehen. Wir sehen nur noch den rasenden Stillstand „Text“. Im Grunde sind das aber nur Momentaufnahmen, Standbilder eines hyperschnellen Gemetzels. Die einzigen, die noch in der Lage sind, dem Kampf in Echtzeit zuzuschauen, sind die Legastheniker. Die sind, sozusagen, immer im Kino.  

Das sollte man wissen, um folgende kleine Geschichte besser goutieren zu können:

Mit der Erde ist es ja so: Wir wissen halbwegs, worauf wir stehen. Wir wissen nicht, wieweit der Himmel geht. Und wir wissen nur ungefähr, wie tief die Meere sind und was da unten alles sich windet und wendet.

Er muß aus großen Tiefen gekommen sein und sehr viel durchgemacht haben, der Schwrm. Manche sagen, er kam aus dem Mariannengraben. Man sah ihm die Erschöpfung förmlich an. Irgendwas war schiefgegangen. Denn als er anfangs der 47. KW am Ende der Liste ankam, wirkte er leer und hohl, dünn und matt. Entschwrmt eben. Es fehlten ihm Dichte, Wucht, Würze.

Kaum angekommen, wäre er daher fast wieder herabgerutscht und im anonymen Dunkeln verschwunden, der Kleine. Aber auch wenn er nur von Verlierertypen besiedelt war, hat er es irgendwie geschafft, sich mit seinen kalten Händchen am Rand festzukrallen. Aber es war knapp: die Knöchel wurden ganz weiß, die Fingerspitzen rutschten ab, seine mageren, ausgezehrten Beinchen ruderten haltlos im Leeren. Dann aber ein letzter, entschiedener Klimmzug – und er war tatsächlich drinnen.

Drinnen heißt aber noch lange nicht droben. Jetzt begann für den Schwrm, diesen Auswurf der Unterwelt, der Aufstieg, Klippe für Klippe. Im zähen Kampf bahnte er sich seinen Weg. Zwischendurch schien es, als hätte er es geschafft, der Schwurm. Aber erst als der Erstgeborene der Lichtwelt das Kommando übernahm, wurde was draus.

Oben angekommen, spuckte er daher erstmal die Klippen hinab. Und er blieb so lange oben, bis seine Spucke fett, aber ohne Echo am Grund des Mariannengrabens aufklatschte.

Und das, obwohl es ihn eigentlich weder gab, noch gibt noch jemals geben wird.  

kein: flipflopterminal

Juli 3, 2007

Morgengrauen: man kann es gar nicht anders nennen es graut einem ganz grauenhaft an diesem grauen morgen am rand der alpen klingelt um 4.15 der businesswecker man taumelt bewußtlos und lichtlos und hirnlos und selbstlos ins bad dann 107,4 volvonavigationssystemvermessene kilometer autobahn mit dem überregionalen nachtprogramm vom mitteldunkeldeutschen rundfunk einmal rundherum um die landeshauptstadt dann an der allianzarena vorbei die weder blau noch rot sondern bloß aschfahl und schmuddelig ist an diesem morgen einmal pendler immer pendler diese einsicht wird überwummert vom einzigen nachhaltig cleanen windrad münchens auf der ehemaligen müllhalde rechts der alte ikea home of the brave der neue im süden ist auch schon zu klein hab ich gelesen 5.30 alle short term parkplätze am terminal 1 bereits besetzt von leuten die offensichtlich um 3.30 oder um 2.30 oder um 1 aufstehen oder die erst gar nicht mehr wegfahren und ihren temporären lebensmittelpunkt fjs anvertraut haben wenn das mal nicht so wird wie bei jfk also long-term am Nordpol des Flughafens will heißen kilometerlange laufbänder durch eis und schnee so weit die füße eben tragen zum mittelpunkt der erde an den äquatorialen zentralbereich wo’s dann schon von menschen brodelt und kocht dann mit so einem kleinen steilen immer wieder fiesen laufband auf dem man nicht weiß ob einen der eigene oder ein fremder koffer von hinten überrollt den berg hinab zwei mal abbiegen an schlafenden asiaten mit tennissocken und schlechten zähnen vorbei von weitem illuminieren schon die autovermieter in grün orange jamaikanisch den weg wieder ins freie zum terminal 2 dort rein durch zwei hermetisch schließende abteildrehtüren in denen seit monaten yehudi menuhin und simon rattle uns ZEIT verkaufen wollen wir würden ja gerne haben sie aber nicht jetzt kommen schon die check in säulen mit dem netten adretten migrationsgewinnlerpersonal das einen schon über 100, 200 meter als nächstes opfer ausgespäht und angepeilt hat als ob man zu blöd wäre seine meilen-und-mehr karte im schlitz zu versenken und die paar knöpfchen zu drücken die es braucht um das apparätchen zufrieden zu stellen ihr und mein lächeln wischt so halb freundlich aneinander vorbei eine steile rolltreppe rauf komplett alles ausziehen an der security zwei minuten businessterrorist spielen danach wieder komplett alles anziehen nach der security jetzt wird’s zeitlich wieder eng also antiterrorstechschritt einlegen wieder laufbänder dazwischen ein polierter audi a14 bei dem jemand das licht angelassen hat auf einem siegerpodest das gibt’s doch nicht sogar um diese zeit leute die auf den tacho schauen wieviel da drauf steht laufband unterbrechung laufband unterbrechung laufband unterbrechung laufband unterbrechung und im ohr immer und von allen seiten und von überallher das hohle geräusch schnell rollender kleiner trolly kofferräder die über die kante aufs laufband springen und dann vom laufband wieder auf den fjs marmor und dann wieder aufs laufband und dann wieder auf den marmor so genauso klingt plastik im permanenten fronteinsatz

Existenzgründler trifft auf Versinkliterat

Juli 3, 2007

Man kann es schon so machen, sich einfach neben das Leben hinstellen oder fast schon hinlümmeln und so tun, als sei es nicht da oder vielmehr immer nur dann, wenn man es gerade braucht und dann eben nur und ausschließlich so, wie es einem in die Situation paßt. Dann fließt, blubbert, zischt, wirbelt, kluckert, plätschert, sickert oder strömt es an einem vorbei, das Leben, je nachdem. Ab und an hängt man seine Angel rein und zieht sich einen Fisch. Bei Hochwasser krabbelt man die Böschung rauf, bei Trockenheit sammelt man im Flußbett Brennholz, bei Regen ist es eh egal, und bei Hitze steckt man die Haxen ins Kühle. Wenn es einem langweilig ist, spricht auch überhaupt nichts dagegen, leichten Seins einen flachen Stein flippen zu lassen auf dem glatten Rücken des Lebens. Das haben sich schon viele gedacht, auch jene zwei fast gleichalten Männer dieser kleinen Geschichte. Der eine lebte auf der Südseite des Flußes, der andere hauste an dessen nördlichem Ufer, meist im Schatten. Der eine stand immer ganz früh auf, marschierte nackt mit Sonnenbrille, Bluetooth und Einstecktüchlein durch die Landschaft, sportelte erst, werkelte dann, schwitzte, klopfte, telefonierte, rechnete, machte und ackerte und tat. Der andere steckte den lieben langen Tag den Kopf, die Schultern, den Rücken und den Unterleib in die Büsche und sonnte sich die Fußsohlen. Ab und an ließ er einen deftigen Furz in die Brennesseln und Weidenbüsche abgehen, worauf diese sich sacht im Winde bewegten. Was ihn inspirierte. Einmal im Jahr, meist in einem der Sommermonate, geschah folgendes: Der Südufler schnürte fein säuberlich sein Gepäck, ritzte eine Abwesenheitsnotiz ins Schwemmholz und schwamm zügig auf die andere Seite. Der Nordufler kratzte sich gähnend die bleichen Pobacken, schlug die Weidenbüsche und Brennesselstauden auseinander und ließ sich, unrasiert, gemächlich auf dem Rücken ans Südufer treiben. In der Mitte des Flußes hätten sie sich eines Blickes würdigen können, taten es aber nicht, weil der eine auf dem Rücken, der andere auf dem Bauch daherkam. Der Südufler blieb eine Woche im Schatten. Er schnitt sich gleich am ersten Tag ein präzises Rechteck in die Brennesseln, kappte ein paar Weidenäste und stellte 13 strategisch postierte Angeln für die Versorgung mit Fisch auf. Der Schattler blieb eine Woche am Südufer. Man sah ihn meistens herumliegen, manchmal kletterte er aber auch auf einen Baum oder warf Lasso, was er aber nicht gut konnte. Nachdem die Woche vorüber war, verschnürte der Südufler wieder sein Gepäck, verwischte die Spuren, machte alle Türen hinter sich zu, säte neue Brennesseln und sprang, mit Anlauf, in den Fluß. Nach ein paar markigen Kraulzügen drehte er sich auf den Rücken. Das machte die Entspannung. Auf der Südseite stieg der Bleichpo vom Baum, rollte sein Lasso auf wie einen Stacheldraht, pinkelte ins Schwemmholz und schwamm los. Auch auf dem Rücken. Diesmal begegneten sie sich Kopf an Kopf – genau in der Mitte des Flusses, also, um im Bild zu bleiben, sozusagen in einer Midlife-Crisis. Diese sind ja meist transitorischen Charakters. Man muß durch sie hindurch, erkennt aber erst später, daß man in einer war. Diese Chance hatten die beiden Ufler nicht. Denn vom Zusammenstoß betäubt, schluckten beide das Wasser des Flusses, der an diesem Tage gar nicht einmal so schnell dahinfloß, und versanken, beide, in den Fluten bis auf den Grund. Um den einen war es nicht schade. Der andere hatte vorher wenigstens noch Brennesseln gesät.